Mein Weg
von Martina Zeder, 9. Juni 2004
Den eigenen Weg zu finden, ist für trauernde Menschen etwas sehr wichtiges. Doch das ist nicht einfach. In der Trauer scheint sich alles in der Orientierungslosigkeit zu verlieren. Ein tiefes Loch, in das man hineinfällt ohne einen Halt zu finden. In diesem Zustand einen Lichtblick zu erkennen, scheint beinahe ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Und doch, irgendwann und irgendwie kommt ein solcher Lichtblick zum Vorschein. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg zu diesem Lichtblick finden. Dank diesen Hoffnungsschimmern, kann man neue Energie tanken auf dem langen Weg der Trauer.
Auch ich musste meinen eigenen Weg finden. Viele Freunde und meine Familie sind mir dabei zur Seite gestanden. Doch im letzten Herbst hatte ich das Gefühl, dass ich noch etwas mehr brauchte, um den Tod von Dave wirklich verarbeiten zu können. Ich realisierte, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich noch etwas an der Strategie meiner Trauerarbeit verändern musste, um weiter zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte eine spezielle Situation wieder eine starke Krise ausgelöst und ich wollte endlich einen Weg finden, um aus dieser Krise ausbrechen zu können.
Ich stand kurz vor meinem Examen zur Pflegefachfrau. Das hat zusätzlich grossen Stress und Angst ausgelöst. Eine Lehrerin realisierte, dass es mir gar nicht gut ging. Wir haben ein langes und sehr aufschlussreiches Gespräch geführt. Am Ende dieses Gesprächs gab mir die Lehrerin eine Adresse einer Trauerbegleiterin in Wohlhusen. Ich stand dem Ganzen zu Beginn sehr skeptisch gegenüber. Trauererbegleitung in einer Gruppe... was ist das denn? Am Anfang dachte ich, das ist so eine „Gschpörsch-mi-Rondi“ wo alle nur am Heulen sind oder ein spirituell angehauchtes Meditieren.
Es verging einige Zeit, bis ich den Mut gefasst hatte, um dort anzurufen. Am Telefon hatte ich eine Frau, die mir aufmerksam zuhörte und ich meine Gedanken und Sorgen erzählen konnte. Ich fühlte mich von ihr verstanden. Wir beschlossen, dass ich einmal an solch einer Sitzung teilnehmen sollte, um zu sehen, ob diese Gruppe mich in meiner Trauerarbeit weiterbringen würde.
Mit viel Neugier und Hoffnung ging ich mit zur nächsten Sitzung. Mir gegenüber sassen zwei Frauen, die ihre Kinder verloren hatten und die Trauerbegleiterin. Sie selbst hatte auch ein Kind verloren und weiss genau, welche Gefühle und Ängste, Wut und Hoffnung sich in Trauernden verbergen. Die Gespräche waren ruhig und intensiv. Keine Anzeichen einer „Gschpörsch-mi-Rondi“ oder endlosem Geheule. Es war Platz, um die wahren Gefühle aussprechen zu können. Keine blöden Sprüche und gutgemeinte Ratschläge wie „das chond scho weder guet“, „tue jetzt ned so, anderi händ das au scho döre gmacht“. Einfach „nur“ Verständnis und Akzeptanz. Jeder in dieser Gruppe wusste genau, um was es geht. Es war eine wunderschöne Athmosphäre. Ich kam mir vor, als würde mich endlich jemand „richtig“ verstehen und mir zuhören. Durch die Gespräche habe ich mir selbst viele Antworten auf offene Fragen geben können und so eine Art innere Ruhe gefunden.
Nun besuche ich diese Gruppe seit einem halben Jahr regelmässig einmal im Monat. Die Gespräche tun mir sehr gut. In kürzester Zeit hat sich mein Zustand wieder stabilisiert. Heute fühle ich mich sehr gut, kann mit den „kleinen Krisen“ sehr viel besser umgehen. Ich habe einen neuen Weg in meinem Leben gefunden. Ich hätte nie gedacht, wieviel mir diese Gespräche mit anderen Betroffenen helfen würden. Ich bin sehr froh, diese Gruppe kennen gelernt zu haben. Sie haben mein Leben wirklich bereichert.
Ich kann mir vorstellen, dass es auch andere Menschen gibt, die gerne mit Betroffenen über ihre Erfahrungen sprechen möchten. Deswegen möchte ich die Möglichkeit geben, etwas mehr über diese Gruppe in Erfahrung zu bringen: www.promethea.ch. Es gibt viele verschiedene Gruppen und Angebote zum Thema Trauerbegleitung. Weitere Informationen erhälst Du u.A. über die Krebsliga.
Martina Zeder
Buchrain, 09. Juni 2004