Meine Erfahrungen
von Martina Zeder, 9. Juni 2004
Nun ist es 3 Jahre her, seit dem Dave nicht mehr in meinem und in unserem Leben ist. Auf eine Art eine lange Zeit, auf die andere Art eine sehr kurze Zeit. 3 Jahre in denen viel geschehen ist. Eine schwere Zeit für alle, die Dave gekannt haben und ihm nahe gestanden sind.
Immer wieder bin ich durch Mails und Einträge im Gästebuch gefragt worden, wie es mir in dieser Zeit ergangen ist und wie ich all dies verarbeiten konnte. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür, dass ich nicht alle Fragen beantwortet habe. Immer wieder schreiben Menschen ins Gästebuch, die ebenfalls einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben und nicht mehr wissen, wie es denn jetzt weitergehen soll. Das habe ich auch sehr lange nicht gewusst. Mit den folgenden Zeilen möchte ich nicht mein Leid klagen, sondern trauernden Menschen Mut und Hoffnung machen.
Beim Thema Trauer ist es immens schwer, einen Anfang zu finden. Es ist ein heikles, von unserer Gesellschaft tabuisiertes Thema. Und gerade deswegen erachte ich es als notwendig, darüber zu schreiben.
Jeder Mensch hat in seinem Leben schon unzählige Male das Gefühl des Trauerns erlebt. Sei es durch die Trennung der Eltern, ein verloren gegangenes Kuscheltier, der Verlust eines Haustiers, der Arbeit, Freunden oder der Tod eines lieben Menschen. Es gibt viele Arten von Trauer und jeder geht individuell mit seiner persönlichen Trauer um.
Wenn ich heute an Dave denke, kommen in mir die verschiedensten Bilder hoch und viele ganz unterschiedliche Gefühle durchströmen mein Herz. Dave und wir alle wussten, dass einmal der Tag X kommen würde. Mit jedem Arztbesuch wurde uns bestätigt, dass dieser Tag immer näher und näher rückte. Diese Tatsache und die ständige Frage: „Wie lange habe ich noch zu leben?“ zermürbten uns fast. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für diese Zeit. Trotz aller schweren Stunden, Tränen und Hoffnungslosigkeit hatten wir uns beide und konnten uns gegenseitig helfen und neuen Mut zusprechen. Ich bewundere Dave. Er hat die Hoffnung auf ein Wunder bis zur letzten Minute behalten und nie aufgehört zu kämpfen. Er war tapfer und hat uns mehr Trost und Unterstützung gegeben als wir ihm je geben konnten.
Für mich war es immer sehr schwer mit Dave über den bevorstehenden Tod zu sprechen. Ich hatte das Gefühl, dass es mein Herz zerreissen würde. Ich liebte Dave so sehr und wusste, dass ich ihn gehen lassen musste. Ich habe sehr viel geweint und die Gedanken an den Tod so gut wie möglich zu verdrängen versucht. Doch er war allseits gegenwärtig. Es war für mich so schlimm mitanzusehen, wie sich Daves Gesundheitszustand von Tag zu Tag verschlechterte. Und zu wissen, dass nun jeder Tag der Letzte sein konnte. Ich habe versucht immer für Dave da zu sein und ihn in seinen letzten Stunden so gut wie möglich zu unterstützen.
Ca. 1 Woche vor seinem Tod haben wir uns zum ersten Mal wirklich intensiv über das Thema Tod und Sterben unterhalten. Ich wusste, dass nun der Punkt gekommen war, an dem es nichts mehr nützt alles zu Verdrängen. Oder ich würde es für immer bereuen, diese letzte Chance verpasst zu haben. Dave und ich konnten all unsere Fragen klären, uns gegenseitig sagen, was wir für den anderen wünschen. Wir konnten unsere Vergangenheit Revue passieren lassen und uns gegenseitig unsere Fehler verzeihen. Dieses Gespräch ist mir im Nachhinein das wertvollste Gespräch, dass ich jemals mit Dave geführt habe. So offen und ehrlich, wir hatten keine Geheimnisse voreinander und jeder wusste, was Sache ist. Durch dieses Gespräch habe ich heute nicht das Gefühl, dass ich noch offene Fragen zu klären hätte, etwas ungesagt oder nicht bereinigt gewesen wäre.
Ich bin heute Dave enorm dankbar, dass er mich zu diesem Gespräch gezwungen hat. Es brauchte enorm viel Kraft dazu. Wir konnten Abschied voneinander nehmen und uns auf den Tod vorbereiten. Doch auf das, was nachher kommen würde, konnte uns niemand vorbereiten. Ich dachte immer in der Zeit vor dem Tod, es könnte nicht mehr schlimmer werden. Doch es war ein Irrtum. Es wurde schlimmer. Viel schlimmer.
Dave konnte zu Hause sterben. Mit der Unterstützung seitens des Spitals und vom Hausarzt konnte ich ihm diesen Wunsch erfüllen. In meiner Tätigkeit als Krankenschwester (damals noch in der Ausbildung), hatte ich schon sterbende Menschen betreut.
Heute weiss ich nicht mehr, woher ich die Kraft genommen habe, das Ganze so durch zu ziehen. Ich wusste einfach nur, dass dies Dave’s letzter Wille war und ich ihn erfüllen wollte. Einmal habe ich zu Dave gesagt, dass er nicht sterben darf, wenn ich nicht dabei sei. Dieses Versprechen hat er eingehalten. Und er ist erst gegangen, als ich bereit dazu war, ihn gehen zu lassen. Er spürte genau, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, um dieses Leben hinter sich zu lassen. In diesem Moment verspürte ich eine unglaubliche Dankbarkeit und ich war stolz auf Dave. Dankbar für unsere gemeinsame Zeit, dafür, dass er so sterben konnte, wie er es sich gewünscht hatte und stolz darauf, was Dave alles erreicht hatte. Im Moment seines Todes verspürte ich auch eine unglaubliche Erleichterung. Ich sah den Tod als Erlöser, nicht als böser Feind, der mir meinen Freund wegnahm. Er brachte Dave in eine Welt, wo er ohne Schmerzen und Sorgen weiter Leben konnte. Hier auf dieser Welt war ich machtlos und konnte nichts mehr für ihn tun. Ich war bereit, ihn gehen zu lassen, aus Liebe.
Die erste Zeit nach dem Tod erlebte ich wie in Trance. Die Organisation der Beerdigung, die Bestatter die Dave’s Körper abholten, die ganze Beerdigung. Ich fühlte mich wie in einem bösen Traum gefangen und wünschte mir nichts sehnlicher als aufzuwachen. Doch es war kein böser Traum sondern bittere Realität. Das Schlimmste war die ständige Präsenz der Bilder dieser letzen Nacht, meine Gedanken die unaufhörlich um Dave kreisten und alle andern Gedanken aus meinem Gehirn verdrängten. Und dieses unglaublich schmerzliche Gefühl, wieder alleine zu sein. Ich verbrachte zwar nur eine kurze Zeit zusammen mit Dave (3 Jahre), aber diese Zeit war unbeschreiblich intensiv. Die Krankheit hat uns so nahe gebracht, absolutes gegenseitiges Vertrauen. Und auf einen Schlag ist alles zerstört. Für mich ging eine Welt unter. Ich hatte das Gefühl, dass auch ein Stück von mir gestorben sei.
Die Zeit verging. Irgendwie. Und heute weiss ich, was der Spruch „die Zeit heilt alle Wunden“ bedeuten soll. Die Wunden sind noch nicht verheilt. Doch ich weiss nun, wie ich sie pflegen muss. Mit der Zeit habe ich gelernt wieder alleine zu leben. Die Zeit hat mir auch geholfen, Dave’s Tod zu akzeptieren.
Nach Dave’s Tod konnte ich mir nicht vorstellen weiter zu leben. Doch ich habe es geschafft. Dave’s Wunsch war es, dass ich weiterlebe und glücklich werde. In einer solchen Situation ist das eine absolut paradoxe Vorstellung. Doch ich hatte ein Ziel:„Ich will, dass Dave stolz auf mich sein kann“.
In der ersten Zeit habe ich sehr viel geweint. Unterstützt hatte mich vor allem meine Familie und meine engsten Freunde. Durch dieses habe ich auch erlebt, was es bedeutet, wirkliche Freunde zu haben. Freunde, die auch in schlechten Zeiten für mich da sind. Die oberflächlichen Beziehungen habe ich nach und nach abgebrochen.
Eine enorme Unterstützung stellte für mich auch Daves Familie dar. Mir war und ist es heute noch ausserordentlich wichtig, diese Beziehungen aufrecht zu erhalten. Sie sind meine zweite Familie. Es braucht aber auch noch heute eine grosse Überwindung für mich, zu ihnen nach Hause zu gehen. Dave ist überall noch so präsent und das tut tief im Herzen noch sehr weh. Und weckt all die Erinnerungen. Doch ich muss mich diesen Gefühlen stellen. Ich für mich habe herausgefunden, dass es mir nichts bringt diese Gefühle zu verdrängen. Ich würde sie für den Moment zwar nicht mehr spüren, aber es gäbe sie immer noch. Und irgendwann treten sie wieder hervor. Viel schlimmer, als ich sie jetzt verspüre.
Ich versuche die ständigen Hochs und Tiefs so zu nehmen, wie sie kommen. Wenn ich traurig bin, dann weine ich. Wenn ich wütend bin, lebe ich die Wut genau so aus. Wenn ich glücklich bin, dann zeige ich dies auch. Den Gefühlen freien Lauf lassen, nicht immer tapfer sein zu müssen und mich auch zurückziehen zu dürfen. Das sind die Dinge, die mir gut tun und mir helfen meine Vergangenheit zu verarbeiten. Es braucht Überwindung, seinen Gefühlen nach zu geben und sich damit auseinander zu setzen. Aber das ist für mich sehr wichtig. Diese Krisen helfen mir, meinen Weg zu finden. Und jede überwunde Krise bringt mich weiter.
Zu Beginn meiner Trauerarbeit
hatte ich viele ganz schlimme Krisen. Löcher, aus denen ich beinahe nicht
heraus gefunden hätte. Es war wie ein Wellenritt. Einmal ging’s gut, dann
wieder sehr schlecht, wo ich alles nur noch schwarz sah und am liebsten aufgegeben
hätte. In solchen Momenten brauchte ich meine Familie und Freunde und die
positiven Gedanken an Dave ganz besonders. Mir tut es auch gut, mich für
wenige Stunden einfach nur abzulenken und einen seelischen Ausgleich zu suchen.
In der Natur, bei der Arbeit, im Ausgang...
Im Laufe der Zeit sind diese Hochs und Tiefs immer weniger geworden. Sie sind
immer noch da, doch ich kann besser damit umgehen. Ich weine heute auch noch
viel und habe meine Krisen. Besonders an Festtagen und Ereignissen, an Geburtstagen,
oder bestimmten Orten.
Die Erinnerungen an Dave werden nie verblassen. Heute, wenn ich an ihn denke, verspüre ich immer noch eine grosse Liebe. Nicht mehr auf diese Art, wie ich ihn zu Lebzeiten geliebt habe, sondern eine gewandelte Liebe. Heute schmerzen die Erinnerungen an Dave nicht mehr so sehr. Heute gelingt es mir auch mit einem Lachen auf unsere Zeit zurück zu blicken und das Positive zu sehen.
Dave lebt in meinem Herzen
weiter. Ich glaube, dass Dave mein Schutzengel ist und mich auf meinem weiteren
Lebensweg begleitet.
Martina Zeder
Buchrain, 09. Juni 2004